Die Hausdächer, die uns beobachteten und der Russe, der Bulgarien hasste

Die Hausdächer, die uns beobachteten und der Russe, der Bulgarien hasste

„Sie waren Schreiner, Maurer, Steinmetz, Schmied und Zimmermann,
Bald 1000 Jahre her, dass ihre Wanderschaft begann.
Silberschmied, Böttcher, Kupferstecher, aus bitterster Not
Zogen sie in die Fremde und sie suchten Lohn und Brot.“

-„Drei Jahre und ein Jahr“ von Reinhard Mey

Șomartin liegt nun hinter uns und unsere Zeit in Rumänien neigt sich langsam dem Ende zu. Per Anhalter gelangen wir nach Sibiu, zu Deutsch „Hermannstadt“. Sibiu ist eine der größten und historisch wichtigsten Städte in Transsilvanien und kein Reisender kommt in Rumänien drum herum, sich den vielen Augen dieser Stadt auszusetzen, bevor die Reise weitergeht. Doch dazu später mehr.

Dieser Tag verläuft wie in einer Achterbahn. Wir durchleben Hochs und Tiefs und können uns abends nicht mehr daran erinnern, ob wir mehrere Tage durchlebt haben oder es doch nur ein einziger war. Früh morgens brechen wir auf. Da Șomartin ziemlich ab vom Schuss liegt und nur durch eine schmale Straße mit der Außenwelt verbunden ist, verlassen wir uns beim Trampen auf unser Glück und den Zufall. Querfeldein durch die Einöde laufen wir früh am Morgen los, genießen die Einsamkeit auf der Straße und das Grün um uns herum. Wir durchkreuzen nur noch selten dichte Wälder, denn die Landschaft besteht hier aus weiten geblümten Wiesen, wahre gedeckte Tische für Bienen und andere Insekten. Nach fast zwei Stunden und schwindender Kraft, über dreihundert qualvollen Höhenmetern mit Sack und Pack, steigenden Temperaturen und etwa 20 gezählten Autos, die zu unserem Bedauern im Gegenverkehr an uns vorbeirauschen, kommt das rettende Gefährt endlich von hinten. Das allererste Auto hat Erbarmen und nimmt uns bis zur Hauptstraße und zur nächsten Tankstelle mit. Unsere Schultern sind die dankbarsten Körperteile und schmerzen zur Strafe noch tagelang weiter. Aus lauter Glück und Tatendrang sprechen wir alle möglichen Leute an, ob sie uns mit nach Sibiu nehmen würden. Ein Kleintransportfahrer stimmt zuerst zu und offenbart uns beim Kaffee vor der Fahrt lauthals seine negative Meinung über die Roma und beschließt zum Schluss, dass er uns doch nicht mitnehmen kann. Inzwischen ist es Mittag und die Sonne ist erbarmungslos und wir enttäuscht. Aus lauter Verzweiflung stellen wir uns an den Rand eines Kreisels im Eingang zur Ausfahrt nach Sibiu. Nach einigen mulmigen Gefühlen, bei denen riesige LKWs gefährlich nah auf uns zusteuern, stoppt dankenswerterweise ein Renterpaar und nimmt uns aus Zufall bis zu unserem Hostel am Stadtrand mit.

Wir freuen uns einen Keks über unser gemütliches Zimmer und die uns bevorstehende Privatsphäre, die wir in Șomartin vermissten und WOW es gibt sogar eine Küche. Direkt gegenüber des Hostels befindet sich sogar ein Supermarkt. Blind vor Freude, in den nächsten Tagen wieder kochen zu können, kaufen wir allerlei Zutaten ein. Zurück im Hostel müssen wir feststellen, dass es gar keinen Herd, geschweige denn einen Backofen gibt…und ich hatte mich so sehr auf Bratkartoffeln gefreut. Wir überwinden diesen kleinen Schock und freuen uns stattdessen über die Waschmaschine, die wundersam und blitzeblank in der Küche steht und uns so herrlich anlacht. Die Schmutzwäsche kommt rein, das Waschpulver hinterher und glückselig drücke ich an den Einstellungsknöpfen herum und schließlich auf den Startknopf. Minutenlang geschieht nichts. Vielleicht ist die Wasserleitung zur Maschine ausgestellt? Vielleicht sollten wir den Regler betätigen und das checken…

Einige Augenblicke später hocke ich unter dem Waschbecken, in einer überfluteten Küche, von Kopf bis Fuß nass vom zuerst schmutzbraunen, dann heißen Wasser, das unaufhörlich hinter dem rostig kaputten Regler auf mich zuströmt. Die Hauptwasserleitung ist unauffindbar. Ich packe mein gesamtes Repertoire an Schimpfwörtern aus und halte in gekrümmter Haltung den abgebrochenen Regler in die Leitung, um den Schwall Wasser in Zaum zu halten. Derweil telefoniert Ali mit dem Eigentümer, der verspricht in 20 Minuten da zu sein. Nach fast einer Stunde, Hornhaut an den Fingern, schrumpeliger Haut, wahrer Erschöpfung, weiterer erfundener Schimpfwörter, weil mir die bekannten nicht mehr ausreichen und der unglaublichen Erkenntnis, dass es erst 14 Uhr ist, ist er endlich da und rettet uns. Zu allem Übel drückt er den Startknopf der Waschmaschine und siehe da, das Miststück läuft. Wenn der Hunger mich nicht irgendwann nach draußen getrieben hätte, würde ich für den Rest des Tages unter der Bettdecke kauern und mir wünschen, dass dieser Tag endlich endet. Tatsächlich schauen wir uns aber an diesem Tag Sibiu noch an und essen zum Trost leckere rumänische Gerichte in einem kühlen Weinkeller. Mit vollem Magen kann ich über die Ereignisse dieses Tages auch schon wieder lachen.

Sibiu war 2007 die Kulturhauptstadt Europas und ist durch und durch Deutsch. Natürlich haben nach der Rumänischen Revolution 1989 auch hier die meisten Siebenbürger Sachsen die Stadt verlassen, aber nirgendwo anders ist die deutsche Sprache noch so präsent wie hier. Touristen- und Infotafeln, Restaurants, Gottesdienste und Leute –  als deutschsprachige Reisende hat man hier keine Verständigungsprobleme. Es gibt sogar eine deutsche Wochenzeitung – die „Hermannstädter Zeitung“ und eine Partei für die deutsche Hermannstädter Minderheit. Sibiu ist auch immer noch ein bedeutender Ort für Kunsthandwerker und nicht zuletzt für Wandergesellen, deren Tradition immer einen Hauch Historisches mit sich bringt. Sibiu war einst eines der Zentren für Wandergesellen und ist es im Vergleich immer noch, auch wenn durch die Fülle an Informationen, zu denen man heute Zugang hat, diese Aktion nicht mehr benötigt wird. Früher aber waren die Wandergesellen ein wichtiger Teil der Verbreitung von handwerklichen Kenntnissen, man sieht sie ab und zu in ihrer traditionellen Kleidung, der „Kluft“ (schwarze Weste, Schlaghose, Hut), durch die Straßen wandeln. Drei Jahre und einen Tag kann ein Geselle auf die Wanderschaft gehen, um sein Wissen weiterzugeben und Neues zu erlangen, wenn er keine häuslichen Pflichten hat, d.h. unverheiratet, kinder- und schuldenlos ist. Sie sind in Gesellenvereinigungen oder Compagnons organisiert und nur wenige akzeptieren auch Gesellinnen (in Deutschland nur zwei Vereinigungen). Wir entdecken eine hübsche Gasse mit einer Gesellenherberge, wo sich Gesellen aus vielen Ländern auf einem Pfahl verewigt haben (siehe Bild). Sibiu sieht man die Affinität zu (Kunst-)Handwerk jedenfalls deutlich an. Enge Gassen, kleine Betriebe, die Architektur und Kunstartefakte lauern an jeder Ecke.

In einer gewissen Art und Weise sind Ali und ich auch Wandergesellen, finden wir.

Die Architektur von Sibiu erinnert auch ein bisschen an Wien, was sicherlich damit zu tun hat, dass die Stadt etwa 200 Jahre zu Österreich-Ungarn gehörte. Charakteristisch in Sibiu sind außerdem die Hausdächer. Sie sehen eigentlich wie ganz normale Dächer aus. Nur fühlt man sich von ihnen irgendwie komisch beobachtet. Etliche Dächer besitzen nämlich Gauben, und zwar Fledermausgauben, die aussehen wie halb geöffnete Augen, die einen stets mit einem Lächeln anschauen. Ich lese, dass diese Art von Gauben handwerklich am schwersten zu bauen sind, was mich nicht wundert, denn immerhin sind wir in der Handwerksstadt Sibiu!

In der Nähe unserer Unterkunft entdecken wir ein Café, das gleichzeitig eine Kaffeerösterei ist und einen Inhaber besitzt, der die reinste Kaffeeleidenschaft hat, die ich jemals erlebt habe. Es ist abgelegen und nicht überrannt, somit haben wir Zeit für einige Schwätzchen mit ihm und lernen viel über Kaffee, die Röstnoten, welcher Kaffee für welche Zubereitung geeignet ist und sitzen dabei inmitten von Säcken mit rohen Bohnen aus aller Welt, während die Röstmaschine vor unseren Augen ihre vollkommene Arbeit erledigt. Ich habe im Zuge einer Dokumentation über Fair Trade Kaffee (“1000 und eine Geschichte vom Kaffee”) bei dessen Produktion ich einem lieben Freund aus der Tansaniagruppe Heikendorf am Kilimandscharo assistiert habe, bereits viel über die Kaffeepflanze, die Ernte und die Bezahlung der Bauern gelernt, aber ehrlich gesagt habe ich noch nie gelernt, wie man Kaffee eigentlich richtig trinkt. Der Lehrmeister ist zur Stelle: Man löffelt 3 Teelöffel Rosenmarmelade (geht sicher auch mit anderer), spült den Mund mit reichlich Wasser sauber und genießt den Kaffee mit tranceartiger Hingabe, natürlich ohne Zucker! Selbstverständlich müssen es gute Bohnen und eine gute Zubereitung sein, aber probiert es mal aus, das ist ein wahres Erlebnis.

 

Weitere Erlebnisse in Sibiu

Wir sind Zuschauer der „härtesten Motorrad Ralley“, wobei internationale „Sportler“ mit ihren Gefährten über Baumstämme, Felsbrocken, Eisenstangen und andere Hindernisse bei Regen brettern und sich geil finden. Außerdem fahren wir endgültig schwarz Bus, weil wir bei aller Güte keine Chance hatten, Bustickets zu kaufen. Nein nein, in rumänischen Stadtbussen kann man nicht so einfach Fahrkarten beim Fahrer kaufen. Entweder hat man vorher Glück und findet einen der seltenen Automaten, der nur widerwillig die Plastik-Geldscheine frisst oder man hat eine kontaktlose Kreditkarte, mit der man an einem Scanner hightech-mäßig im Bus zahlt – vorausgesetzt, das Prozedere oder die dazugehörige Handy-App funktioniert. Herzlich willkommen in einer Welt, in der „manuell“ verpönt wird, weil es uns großen Spaß bereitet, uns über nicht funktionierende neuartige Technik aufzuregen.

Es wird Zeit, Rumänien langsam zu verlassen. Unser nächstes Ziel ist Bulgarien, um genau zu sein, der nordwestliche Zipfel. Auf dem Weg dorthin machen wir einen kleinen Zwischenstopp in Craiova (Slawisch: „Königsstadt“). Mit dem Bus überqueren wir die Südkarpaten, können uns gar nicht sattsehen an den sattgrünen Wäldern auf den Bergen und lernen von Alis Sitznachbarin Maria, einer jungen Rumänin, die in Köln lebt, welche Beweggründe junge Leute wie sie haben, nicht in Rumänien zu bleiben. Es wird auch sehr philosophisch. Es werden Fragen erörtert, warum man heiraten und Kinder kriegen sollte und warum nicht. Immer wieder begegnen wir Menschen, die Deutsch sprechen und unterhalten uns fantastisch über Gott und die Welt.

Und da passiert es – wir landen buchstäblich in der Walachei! Craiova liegt nämlich dort. Das interessanteste, das wir in dieser äußerst seelenlosen, ehemals wichtigen Handelsstadt sehen, sind leider marode, kaputte und heruntergekommene Häuser und Gebäude, die stillschweigend ihr Schicksal akzeptiert haben, zu verkommen – vergessen ist hier die Pracht der Vergangenheit. Ansonsten wird das Stadtbild von monströsen sowjetischen Plattenbauten geprägt. Eines fällt aber auf: Die Leute auf den Straßen sind alle todschick angezogen, als würden sie das Stadtbild dadurch etwas verbessern wollen. Wir landen in einem sympathischen Hostel und lernen die Besitzer mit einer unerwartet geballten Intensität kennen. Alfredo, der Betreiber, lebt hier seit einigen Jahren mit seinem Partner George. Er erzählt uns voller Liebe von seiner blinden 19-jährigen Katze, was in einem angeekelten Kopfschütteln von George endet, der Tiere schmutzig findet und nicht wert, dass man sie streichelt. Alfredo hingegen ist das egal, er jagt Catty minutenlang auf dem Grundstück hinterher, um sie uns zu zeigen. Weiteres Kopfschütteln von George. Alfredo ist quirlig, erzählt uns von seinem früheren Leben, wie er es einfach nicht fertigbrachte, sesshaft zu werden und seine Heimat Mailand verließ, um von Land zu Land zu pilgern und zu arbeiten. George kommt aus Russland und versucht, mit seinem wenigen Englisch, auch Gespräche mit uns aufzubauen, immer wieder beteuernd, dass Alfredo verrückt sei. Er fragt uns wehmütig, ob das Leben in Deutschland ein Paradies sei. In seinen Augen sehe ich ein sehnsüchtiges Blitzen, wie ich sie schon in viel Gesprächspartnern in Armenien gesehen habe. Es fühlt sich unangenehm an, zu sagen, dass es dort kein Paradies ist, aber nach welchen Kriterien soll man das beurteilen? Wir finden jedenfalls eine diplomatische Mittelantwort. Wir erzählen den beiden, dass wir auf dem Weg nach Bulgarien sind und George schüttelt sich vor Ekel und erntet seinerseits Kopfschütteln von Alfredo, der meint, George sei verrückt. Wir fragen ihn, ob er dort schon einmal gewesen sei. Er verneint, sei aber der festen Überzeugung, dass da Land und Leute schlecht seien, seine Lieblingsländer seien Italien, Griechenland, Spanien und Frankreich. Immer wieder schüttelt er sich und streicht sich über die Arme, als würden ihm Kakerlaken über diese hinauf krabbeln, wenn wir sagen, dass Bulgarien sicher auch schöne Orte und nette Leute beherbergt. Alfredo und George beteuern noch bis zum Gesprächsende, wie verrückt jeweils ihr Gegenüber sei. Sie sind ein wunderbares und lustiges Pärchen, nur Georges Nicht-Tierliebe geht mir gewaltig auf den Senkel.

Mit diesen letzten Eindrücken verlassen wir am nächsten Tag Rumänien…

 

Eine wundervolle Sprache, eine Mischung aus Slawisch und Latein. Wir hören sie ein letztes Mal am Bahnhof und verabschieden uns.

 

 

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